kipppunkte
2026 mit dorothea rust / ein happening für ensemble tzara
im sihlpark zürich
Bericht Musik Jörg Köppl
Foto:Martin Sonderegger
Die Zusammenarbeit mit Dorothea Rust war inspirierend und fruchtbar. Unsere Wege haben sich schon oft gekreuzt. Ein gemeinsames künstlerisches Grundanliegen trug durch Konzeption, Umsetzung und Ausführung. Das Ensemble Tzara unter der künstlerischen Leitung von Léo Collin und der Produktionsleitung von Heidi Hildebrand zeigte sich sehr offen und neugierig für unser Vorhaben und setzte es engagiert und professionell um. Saadet Türköz integrierte sich schrittweise und kraftvoll in den Klang des Ensembles und in die Soundscape. .
Fotos: Heid Hiltebrand
Wir hatten den Sihlhölzlipark als (Un-) Ort ausgewählt, weil hier so viele verschiedene Ströme und Linien vorbei und einander entgegenkommen – Schichtungen aus der Vergangenheit wie auch Ängste und Hoffnungen aus der Zukunft: Die abgebrochene Sihlhochstrasse, die untertunnelte Sihl, Spaziergängerinnen, Fahräder, Verkehr, Menschen am Rand, Kinder und Tiere. Wir – selbst am Rand mit dem Thema Kippunkte – geblendet von der Sonne, unsicher wegen dem Wetter; die Kinder kühlen sich im Brunnen. Wir ziehen Kopfhörer an und versuchen: zusammenfinden, zusammenfassen, anpacken, uns anfassen.
Fotos: Heid Hiltebrand
Tune in
Das Publikum bekommt Kopfhörer und erlebt eine gespaltene Welt. Als Komponist war mir wichtig, dass wir zuerst in dieser Komplexität vor Ort,
zwischen Vergangenheit und Zukunft, heimisch werden. Die Röhrenfilter harmonisieren die Soundscape und dieses Summen entspannt uns. Wenn dann die Performerin die
Röhre das erste Mal umstimmt, wird uns bewusst, dass es eine nacherzählte, eine manipulierte Klangwelt ist. Die mikrotonale Melodie verwebt sich mit der Soundscape.
Ich notiere einen Amselruf aus. Vom kleinen Ensemble gespielt, verlangsamt und tiefgestimmt, erinnert er an einen Ruf aus der Vorzeit. Die Ur-Echsen haben als Vögel überlebt…
Videostill ”stummel”
Der Stummel
In der mit einer Drohne gefilmten Videoaufnahme schildert Dorothea die Auseinandersetzungen um die Sihlhochstrasse.
Der Blick in ein vergangenes Verkehrsdelirium macht auch Hoffnung: Wir können den Kurs korrigieren.
Videostill Stummel
Im Lot
Ich staune, wie gut das für Quellverkehr in Vierteltönen Stück komponierte von den Interpret*innen adaptiert werden konnte.
Es begleitet jetzt das Publikum, wenn es sich – mit Gummibändern verbunden – im Park bewegt. So auch die Musik, dehnend, ziehend, ausweichend…
Foto: Heidi Hiltebrand
Panik und die Lücke
Atemrhythmen verdichten sich und die ganze Situation stülpt sich um, wenn die Kopfhörer ausgezogen werden und die Trennung zwischen dem Publikum des Happenings und den Besucher*innen im Park aufgehoben wird. Es wird langsam still.
Das Publikum gibt die Mobiltelephone ab und Saadet spielt im Duett mit Murat. Doro lanciert ein Gespräch mit jungen und alten Menschen über Zukunft und Hoffnung – ein für mich sehr berührender Moment.